Alltag in Japan: Diablo 3
Wie jeder ordentliche Gamer schon weiss, ist gestern endlich Diablo 3 entschieden. Grund genug für mich zum ersten Mal seit Starcraft (das war so 2000?) wieder ein Spiel käuflich zu erwerben. Ich habe gestern Nacht ein wenig Livestream geschaut und mich dann endgültig entschieden: Ja, ich will!
Und das heisst ich will sofort! Daraus folgte dann wiederum, dass ich keine Lust auf Online-Kauf hatte, weil SOFORT! Also habe ich mal geschaut, wo ich das Spiel denn kaufen könnte:
- Lokaler Gebrauchtspielhändler: Nö (was ‘ne Überraschung)
- Lokaler Technikladen: Nö (keine PC Spiele)
- Großer Technikladen in Shinjuku: Nö (keine Importspiele und von D3 gibt es im Moment keine japanische Version)
- Importspielladen 1&2 in Akihabara: Nö (ausverkauft)
- Importspielladen 3 in Akihabara (letzter Versuch): Bingo!
Das war doch schwieriger als gedacht. In Laden 3 hatten sie auch noch ganze zwei Kopien. Und das Beste war, dass der junge Mann mir auch noch 2000 Yen zuviel Wechselgeld gegeben hat. Ich habe natürlich nichts bemerkt. Hehehe.

Mein Schatzzzz.
Der junge Mann erklärte mir ausserdem, dass damals Capcom den Vertrieb von Diablo 2 in Japan übernommen hat und es Krach gab, weshalb Blizzard keinen Bock mehr auf Japan hat. Kann das irgendjemand bestätigen oder weiss mehr darüber?
So, ich geh dann mal zocken!
Wort des Tages: おつり – otsuri – das Wechselgeld
Fukushima Flyer
In einem der letzten Artikel habe ich ein Bild von einem aufgebrachten Menschen in Shibuya gepostet. Neugierig wie ich bin, habe ich mir auch gleich noch einen Flyer in die Hand drücken lassen.

Übersetzung:
Licht und Hoffnung für alle in der evakuierten Zone zurückgelassenen Tiere:
“Sich an den Händen halten, in Hoffnung verbunden, Leben ohne Stimme beschützen.”
Der Bauernhof der Hoffnung – Fukushima -

Auf dem Bild: “Namie, 14 Kilometer von der Atomexplosion entfernt. Zusammenhalt bei der todesmutigen Rettung!”
Den Text darunter übersetze ich jetzt mal nicht in Gänze. Zusammengefasst findet der Bauer, die japanische Regierung sollte die Tiere innerhalb der Zone nicht einfach sterben lassen bzw. keulen lassen, sondern vielmehr als Versuchsobjekte für Strahlenschäden zu benutzen.
Bis zu der roten Unterschrift (“Weiteres sinnloses Töten können wir nicht mehr ertragen.”) handelt der Text übrigens sehr emotional von den “quicklebendigen” Tieren und der Liebe und Aufopferung der Bauern, erst ganz am Ende gibt es den Vorschlag mit den Versuchsobjekten, was ich mal als schlechte Argumentationsweise bezeichnen würde. Ich hätte nach diesem Teil ja erwartet, dass die Bauern die Tiere umquartieren und in Würde sterben lassen wollen, oder etwas ähnlich utopisches. Und mein Begriff von Tierliebe besteht auch nicht unbedingt darin, sie als Versuchsobjekte zu gebrauchen. Davon einmal abgesehen, finde ich den Text aus zweierlei Gründen interessant.
Erstens finde ich die Idee die Tiere als Versuchsobjekte zu benutzen … hm … problematisch? Wenn die Tiere als solche gebraucht werden würden, hätte die Regierung sich doch sicher von selbst an die Bauern gewendet? Wäre natürlich schon gut, wenn sie nicht alle sinnlos sterben müssten.
Zweitens ist der Zettel eine gute Erinnerung daran, wie schlimm die ganze Sache für die Menschen um Fukushima herum immer noch ist. Hier im relativ sicheren Tokyo lässt es sich aus der Ferne schön gruseln, aber jeden Tag wirklich damit leben müssen wir hier, mal von der Sorge über verstrahlte Lebensmittel abgesehen, nicht. Die Menschen in Fukushima dagegen haben jeden Tag mit der Verstrahlung zu tun. Und im Falle der Bauern haben sie keine Existenzgrundlage mehr. Wer würde schon Lebensmittel aus Fukushima kaufen? (Wobei, bei uns im Supermarkt gibt es nach wie vor Tomaten aus Fukushima zu kaufen, um die ich immer einen großen Bogen mache, aber ich vermute mal irgendjemand wird sie schon kaufen…)
Wort des Tages: 絶望 – zetsubo – (aufgeben-Hoffnung) die Verzweiflung
Hadeko
Ich entschuldige mich fuer die niedrige Anzahl von Artikeln in den letzten Tagen. Bin einfach ein bissel faul im Moment.
Heute geht es um Hadeko. Hadeko? “Hade” bedeutet “grell” oder “auffaellig”, “ko” ist einfach nur das Kind bzw. das Maedchen. Es geht also um grelle/auffaellige Maedchen.
Und so sehen sie aus:

Quellen (soweit ich weiss)
http://blog.crooz.jp/246ugk/ShowArticle?no=15 http://takulu.blog79.fc2.com/blog-entry-253.html
Und hier noch eine Youtube Videomontage, von einer deutschen Bloggerin wie es scheint:
Der Punkt, soweit ich das verstehe, ist als “komisch/seltsam” angesehen zu werden. Bewusst wird nicht versucht hübsch, niedlich oder gar sexy zu sein. Vielleicht kann man sogar sagen, dass das Ziel das genaue Gegenteil bedeutet und hier nach den legendaeren “Ganguro” des letzten Jahrtausends eine neue Gegenkultur auftaucht.
Ob das nun wirklich eine echte Subkultur ist, oder nur von Westlern zu einer solchen aufgebauscht, kann ich im Moment noch nicht beurteilen. Die Kommerzialisierung und Gentrifizierung Harajukus schreitet jedenfalls unaufhaltsam voran. In jedem Fall spuckt das japanische Google 1.400.000 Treffer für “Hadeko (派手子)” aus. Das japanische Youtube gibt aber nicht viel her. Bei meinem letzten Besuch in Harajuku vor ein paar Tagen sind mir ein paar Mädels wie die rechts oben aufgefallen und genau ein Mädchen, das den Stil auf dem linken Bild pflegte. Das pinke Outfit habe ich persönlich als “ist halt Harajuku” abgetan. Aber vielleicht steckt ja mehr dahinter. Mein Interesse ist geweckt.
Falls es hier tatsächlich eine neue Subkultur geben sollte, die außerdem tatsächlich Nonkonformität mit dem gesellschaftlichen Schönheitsideal als erstrebenswert ansieht, wäre das auf jeden Fall interessant. Man könnte dann vielleicht sogar eine mehr oder weniger bewusste Rebellion gegen das vor allem gegenüber Frauen sehr einengende Schönheitsideal hineininterpretieren. Notwendig wäre es m.M.n. jedenfalls. Die Mädels werden vielleicht nicht so weit denken, aber eine Rebellion gegen das “kawaii“-Diktat ist viel mehr als nur Mode, es ist auch ein gesellschaftliches Statement. “kawaii” ist nämlich auch eine Methode Frauen als untergeordnet zu kategorisieren. Denn wer “kawaii” ist, ist eben nicht professionell, klug, selbstbewusst usw. Ob “Hadeko” nun den besten Weg gefunden haben, Frauen mehr Respekt in Japan zu beschaffen? Vermutlich nicht. Ich bin schon froh, wenn es irgendwo einmal nicht “kawaii” zugeht.
Wort des Tages: 目立ちたがる – medachitagaru – auffallen wollen (oft negativ)
Das Land des unbegrenzten Service?
Soeben passiert: Frau und ich suchen ein neues Bett bzw. eine neue Matratze. Und es soll nicht irgendeine Matratze sein, sondern die “Gute” von “Nihon Bed”. In Queen Size kostet das Teil stolze 210.000 Yen oder auch etwa 2100 Euro. Man sollte meinen, Moebelhaeuser wuerden so ein teures Moebelstueck gern verkaufen, oder?
Ich rufe also, nachdem ich mich durch die -wie viel zu oft – unuebersichtliche Webseite gekaempft habe, beim erstbesten Shop an, den Google mir ausspuckt. Die Dame am anderen Ende fragt mich ein bissel aus, was genau ich denn haben moechte und so und dann kommt der alles entscheidende Dialog:
Sie: Haben sie die “Hinweise fuer Erstkunden” (Link unter der Telefonnummer) gelesen?
Ich: Nein, muss ich das denn?
Sie: Ja, das muessen Sie, wir bedienen keine Kunden, die diese Hinweise nicht gelesen haben.
Ich: Hm, ok. Dann lese ich mir die jetzt durch und rufe in ein paar Minuten noch einmal an, ok?
Sie: Nein, sie haben mich falsch verstanden. Wir bedienen keine Kunden, die diese Anweisungen nicht gelesen haben BEVOR sie zum ersten Mal anrufen!
Ich: Achso? Na, dann tschuess! (Gedacht: Ich bin jetzt also persona-non-grata? Wtf?)
Ich koennte jetzt natuerlich meine Frau bitten, die Hinweise zu lesen und dann noch einmal anzurufen, aber das ist uns zu bloed. Wir geben jetzt jemand anderem unser Geld. Wirklich, was geht denn da ab? Brauchen die keine Kunden? Haben die zuviel Geld? Ich fass’ es immer noch nicht.
Dem kann ich nur noch das hier hinzufuegen:
Wort des Tages: マジ? – maji? – (ugs.) Echt jetzt?
Vorschlaege bitte
Ich plane eine kleine Artikelserie zum Thema Essen und Trinken in Japan zu schreiben. Da das aber ein weites Feld ist, waere es toll, wenn ihr mir ein paar Ideen liefern koenntet, ueber welche Speisen / Getraenke ihr gerne etwas lesen wuerdet. Weiterhin denke ich auch ueber einen oder zwei Artikel ueber verschiedene Arten von Restaurants und Tischetikette nach – auch hier sind Vorschlaege willkommen.
Eindrücke aus Tokushima und Tokyo
So, ich bin zurück und nach drei Tagen Nichtstun auch wieder in der Stimmung hier etwas zu schreiben. Heute ist es mal wieder ein fotolastiger Artikel. Alle Fotos sind mit meinem neuen iPhone aufgenommen worden.
Naruto-oohashi (eine gewaltige Brücke, die die Naruto-Meerenge überspannt)

Und hier noch einmal mit japanischer Kiefer im Vordergrund, für die Ästheten.

Das Naruto Museum von oben.

Insel im Sturm/Strom.


Und noch einmal die Brücke von oben.


Die Wirbel, die durch das Zusammenfließen von zwei Meereströmungen erzeugt werden, sind eine der beiden Haupttouristenattraktionen Tokushimas. An diesem Tag war es leider so stürmisch, dass sie hier kaum zu erkennen sind. Wir konnten deshalb auch nicht das Boot nehmen und uns die Wirbel direkt ansehen.
Als Kind fand ich solche Simulatoren toll.

Eine der kulinarischen Spezialitäten Tokushimas: Yakimochi oder auch gebratene Reiskuchen. Leckeres Zeug (wenn man süße Bohnenpaste mag zumindest, hehe). Yakimochi bedeutet übrigens auch Eifersucht

Die zweite Touristenattraktion Tokushimas, der Awa-Tanz (Awa-odori, 阿波踊り). Beide Bilder sind Aufnahmen vom “Männer”-tanz und in der entsprechenden Kleidung. Frauen dürfen übrigens Männerkleidung tragen und wie Männer tanzen. Andersherum geht es allerdings nicht. Den Awa-Tanz kann man ganzjährlich im Awaodori-kaikan bestaunen und sich sogar selbst daran versuchen. Das eigentliche Event findet aber im August während des O-Bon Festes statt.


Und hier habe ich letzte Woche gearbeitet. Sehr laut und als Dolmetscher geht das andauernde Schreien ziemlich auf die Stimme. Am Freitag hatte ich mir dann schlussendlich eine Rachenentzündung/Erkältung eingefangen.



Ich habe noch mehr Fotos aus der Fabrik, darf sie aber nicht posten wegen Betriebsgeheimnis.
Hier noch ein paar Bilder, die ich bei einem Spaziergang gemacht habe.


Und natürlich die “nehmen Sie die Hundekacke mit” Bilder. Ich frage mich wirklich, ob es nicht auch ohne diese netten Schildchen ginge. Habe hier jedenfalls noch nie Hundekacke auf der Straße liegen gesehen.


Die letzten beiden Tage habe ich meine Amerikaner dann durch Tokyo geführt und auch ein paar Bilder für mich selbst geschossen. Es hat sich leider herumgesprochen, dass ich die letzte Gruppe mit zu Hooters in Tokyo genommen habe, weshalb jetzt wolhl jede Gruppe dort einmal hin möchte. *seufz*
In Roppongi Hills haben sie gerade ein One Piece Event.

Zugegeben, ich hatte nicht damit gerechnet im 52. Stock dieses supermodernen Wolkenkratzers auf Plastikattrappen mit One Piece Thematik zu stoßen.



Man konnte alle dargestellten Speisen tatsächlich im Restaurant dort bestellen.
Tokyo bei Nacht aus dem 52. Stock von Roppongi Hills.


Am nächsten Morgen in Shibuya: Dieser junge Mann war offensichtlich und gut hörbar sehr erbost über Tepco.

Dieses Gebäude in der Gegend um Shiodome ist scheinbar ziemlich berühmt. Meine Frau meint, das sei ein Kapselhotel.

Ganz in der Nähe gibt es ausserdem den Hamarikyu Park, der durch seine Natur/Großstadt Kulisse besticht.




Wort des Tages: 持ち帰り – mochikaeri – mit nach Hause nehmen (normalerweise in Restaurants und Cafes mit Take-Out benutzt; aber eben auch fuer Hundekacke ^^)
Repost: Mutterliebe & Einsamkeit
(Dies ist der vorerst letzte Repost.)
Heute mal wieder ein paar Schnappschuesse:


Das ist der Inhalt eines der “Care-Pakete” der Mutter meiner Verlobten. Darin schickt sie uns regelmaessig gute Sachen aus der Provinz Tokushima, in der sie wohnt. Und weil’s Japan ist, gibt’s auch immer lecker Reis.
Und das habe ich heute in Shibuya (im Zentrum Tokyos) gesehen:

Das ist eine Werbung fuer einen … aehm … “Ohrensaeuberungsservice”. Ich uebersetze mal (von links oben nach rechts unten):
“Das Gefuehl des beruehrt werdens.”
“Das Gefuehl des gestreichelt werdens.”
“Die ultimative Entspannung.”
“Kopf auf den Schoss legen und sich die Ohren saeubern lassen.”
Es geht hier also um einen Service, bei dem man(n) seinen Kopf auf den Schoss einer in Yukata gekleideten jungen Dame legen und sich die Ohren saeubern lassen kann … … … Mal von der leichten Assoziation mit der Sexindustrie abgesehen …
Der Service bietet ja irgendwie auch menschliche Naehe an. Irgendwie traurig, wenn man so einsam ist, dass man menschliche Naehe kaufen muss. Andererseits sind die “Mamas” und “Kabaretts” in Japan dem auch nicht so unaehnlich.
Wort des Tages: 故郷の味 - furusato no aji – der Geschmack der Heimat; Japaner lieben es, Sachen aus einer bestimmten Region zu essen, speziell wenn es das eigene Dorf (Stadt) ist, in dem man aufgewachsen ist. Da sehr viele Japaner aus der Provinz nach Tokyo ziehen (gezogen sind) ist der “Furusato”-Mythos in Japan sehr potent.
Repost: Alte Maschinen zum Stoffe faerben!
Da Freundin keine Gelegenheit auslaesst, sich irgendwelche Stoffe, Muster, Farben … anzusehen, haben wir bei unserem Besuch in Tokushima die “Nagao-orifu” (長尾織布) – Shijira-ori Fabrik besucht. Shijira-ori ist eine besondere Art Stoff (indigo)blau zu faerben, dabei wird aus der Indigopflanze (藍, ai) der gewuenschte blaue Farbton gewonnen. Die Pflanze wird im Maerz gesaet und im Juli geerntet (es gibt zwei Ernten). Die Blaetter werden dann von Unkraut und Insekten gereinigt und getrocknet. Dieser Prozess dauert etwa einen Monat. Im September beginnt man dann das “Sukumo” (すくも, etwa: Faerbemasse) des entsprechenden Jahres herzustellen、indem man die Blaetter und allerlei Reagenzien in grosse Holzbottiche fuellt und dann bis in den Dezember hinein (100 Tage) gaeren laesst.
Mit dem gewonnenen Faerbemittel faerbt man dann alle moeglichen Kleidungsstuecke, wie zum Beispiel Yukata, Obi, Samue, Jinbei, T-Shirts, Hemden, Muetzen usw.
Ich habe mir die Fabrik auch von innen ansehen duerfen und natuerlich auch ein paar Fotos gemacht:
Panorama


Ein paar Maschinen aus der Naehe







Auf den Bildern erkennt man leider nicht so gut, wie unglaublich alt die Maschinen zum Teil sind. Der Firmenchef, der uns freundlicherweise herumfuehrte, erzaehlte mir, dass einige Maschinen noch aus der Meiji-Zeit stammen. Fuer nicht-Japanologen: Das war die Zeit von 1868 – 1912! Damals entwickelte sich in Japan uebrigens eine grosse Textilindustrie, die, kraeftig vom Staat gefoerdert, die USA und China (damals Weltmarktfuehrer) im weltweiten Textilienhandel ueberfluegelte und fuer Japans Industriealisierung ein wichtiger (wenn nicht sogar der wichtigste) Devisenbringer war. Da in diesen Fabriken fast ausschliesslich junge Frauen unter zum Teil schrecklichen Bedingungen arbeiteten, kann man wohl mit einigem Recht behaupten, dass die japanische Industrialisierung durch die Muehen und Leiden der Frauen ermoeglicht wurde. Dazu gibt es auch massenweise Literatur z.B. von Shiga Naoya, wenn ich mich recht erinnere.
So und noch zwei Fotos:
Gaerbottiche

Fertiges Faerbemittel

Ein fertiger Samue

Wort des Tages: 染め - some – Faerbung, das Faerben 〈von Kleidungsstuecken z.B.)
Repost: Werbung mit Poesie
Heute ist mir ein Werbezettel von Daiichiseimei (第一生命, eine grosse japanische Versicherung) auf meinen Schreibtisch geflattert. Die kommen jeden Donnerstag hier vorbei, aber normalerweise haben sie nur Bonbons ^^ Warum die das duerfen (wir sind schliesslich ein Rathaus, hier darf eigentlich keine Firma Werbung machen), weiss ich nicht. Dieser Werbezettel ist auf jeden Fall recht interessant. Die Werbung selbst ist eigentlich recht unauffaellig plaziert, im Mittelpunkt stehen 100 Haiku (japanische Kurzgedichte, klassischerweise mit der folgenden Silbenzaehlung 5 – 7 – 5), die von Buergern aus dem ganzen Land bei einem Wettbewerb eingeschickt wurden.
Wie einige meiner Leser vielleicht wissen, sind Haiku im Land von Matsuo Bashô und Buson (beides legendäre Haiku-Dichter) auch heute noch in Japan sehr beliebt. Der Haiku-Sammelband “Salat-Gedenken” (サラダ記念日, sarada kinenbi) von Tawara Machi (俵万智) wurde hierzulande knapp drei Millionen mal verkauft und jedes Kind hier kennt ihn. Die Haiku in Sarada-Kinenbi handeln uebrigens vom Alltagsleben der Japaner und sind fuer alle, die ein wenig Japanisch beherrschen, gut geeignet um ein wenig zu ueben.
Haiku zum Alltagsleben erfreuen sich auch im Japan des Jahres 2009 grosser Beliebtheit, speziell die sogenannten “Salaryman-Haiku”.
Haiku selbst sind eigentlich ganz einfach: Man baue einen Dreizeiler, der aus fuenf, dann sieben, dann wieder fuenf Silben besteht, gebe ihm (nicht zwingend) ein sogenanntes “Kigo” (季語), ein “Jahreszeitenwort” hinzu und fertig ist das Haiku. Das Problem liegt dabei natuerlich wie immer im Detail. Es ist leicht ein Haiku zu schreiben, es ist schwer ein “gutes” Haiku zu schreiben und es Bedarf schon einer Portion Genie um “meisterliche” Haiku vom Schlage eines Bashô zu schreiben.
Aber kommen wir zurück zum Anfangs angesprochenen Werbezettel.

Hier will ich die ersten drei Haiku einmal kurz vorstellen. Ich gebe dabei nur eine ungefaehre Uebersetzung wieder, ohne auf die Silbenzahl gross Ruecksicht zu nehmen.
#1
コスト下げ
やる気も一緒に
下げられる
kosuto sage, yaruki mo isshoni, sagerareru
Arbeitskosten runter
auch der Eifer beim Arbeiten
wird abgesenkt
Von einem “faehigen Manager”. Klingt irgendwie frappierend aehnlich wie die Klagen deutscher Arbeiter / Manager.
#2
パパ部長
家の中では
ママ社長
papabuchou, ie no naka de ha, mamashachou
Abteilungsleiter Papa
aber zu Hause ist
Mama der Boss
Das deutsche Wort “Abteilungsleiter” gibt die herausgehobene Position eines “Buchou” allerdings nur unzureichend wieder. Ein “Buchou” gehoert schon zum oberen Management.
Jaja unsere Pantoffelhelden
Gibt’s halt ueberall. Eingesandt von einem “einfachen Beamten”.
#3
「明日有休」
妻の舌打ち
気のせいか
asu yuukyuu, tsuma no shitauchi, kinosei ka
“Morgen habe ich frei”
meine Frau schnalzt mit der Zunge
ah, ich bilde es mir vielleicht nur ein
In der ersten Zeile sind es, wenn ich mich nicht verzaehlt habe, sechs Silben, mit der Lesung “ashita” fuer “morgen” sind sogar sieben Silben denkbar. Das ist normal in gegenwaertigen Gedichten, es muss nicht unbedingt immer genau das Silbenmass eingehalten werden. Ich finde dieses Haiku sehr genial. Klingt nach prallem Leben
Eingesandt von einem “liebenden Ehemann”.
Wort des Tages: 俳句 - haiku – klassisches japanisches Gedicht im Versmass 5 – 7 – 5, das Zeichen 句 (ku) allein wird auch verstanden und z.B. als Zaehlwort benutzt.
Repost: Ueber Service
(Die gute Anji hat hier einen Artikel zu japanischen Lieferdiensten geschrieben.)
Ich glaube jeder Deutsche, der einmal in Japan gelebt hat, hat schon einmal eine Lobeshymne auf den Service hier angestimmt. Ob es nun die beruehmten sauberen und puenktlichen Zuege oder das perfekte Laecheln der Angestellten ist: Als Kunde ist man in Japan wirklich fast immer Koenig.
Das gilt auch fuer die Paketdienste in Japan. Heute moechte ich einmal beschreiben, wie das hier funktioniert, wenn ein Paket zugestellt werden soll.
1) Der Paketbote kommt zur Haustuer und klingelt immer (!) drei Mal, wenn niemand aufmacht.
2) Wenn niemand die Tuer oeffnet, hinterlaesst der Paketbote einen Zettel auf dem viele lustige Zahlen stehen. Anfangs ist das ein wenig verwirrend, aber wenn man sich einmal eingefuchst hat, ist das System narrensicher und kinderleicht zu bedienen. Natuerlich nur, wenn man Japanisch kann
*
Man ruft die “automatische Neuzustellungsnummer” auf dem Zettel an. Da gibt es dann einen Bandansage, die sich auf das Wichtigste beschraenkt und in dieser Reihenfolge fragt:
a) Zustellungsnummer (ist auf dem Zettel)
b) Zustellung am gleichen Tag Ja/Nein
c) Wenn gleicher Tag, dann welche Uhrzeit? Wenn nicht gleicher Tag, dann morgen oder uebermorgen? Sonst Datumseingabe. Danach dann wieder Uhrzeiteingabe. Die Uhrzeit kann man eingeben mit 1 – 6, 1 bedeutet Vormittag, danach gibt es 2-Stunden Intervalle.
d) Zur Bestaetigung noch die eigene Telefonnummer.
Fertig. Das laesst sich in zwei Minuten erledigen und kostet keinen einzigen Yen (Anruf ist selbstverstaendlich kostenlos). Man kann auch mehrere Male nicht da sein. Kein Problem. Man kann auch seinen persoenlichen Zusteller (Nummer ist ebenfalls auf dem Zettel) anrufen, wenn man das moechte. Und billig ist das Pakete verschicken auch noch …
Wenn ich mich da an D. und meine Besuche in sogenannten “Postcentern” erinnere, graust’s mich nur.
Ueberhaupt gilt fuer Telefonhotlines in Japan, was generell gilt. Der Service ist dem in Deutschland um Lichtjahre voraus. Ich hatte bisher IMMER kompetente Mitarbeiter am Hoerer und IMMER innerhalb kurzer Zeit. Warteschleife gibt es eigentlich nur, wenn der Arbeiter an MEINEM Problem arbeitet.
Ich kann nur immer wieder sagen: Arme Kunden in Deutschland.
Wort des Tages: 再配達自動受付 – saihaitatsu-jidou-uketsuke – “Automatische Neuzustellungsannahme”
* Ich meine, es gibt sogar eine englischsprachige Hotline, bin jetzt aber zu faul nachzusehen.