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Ueber Medien, Teil 1: Japans Unterhaltungsindustrie und Adornos Begriff der Kulturindustrie

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http://blogs.bizmakoto.jp/happydragon/4-4-3.jpg

(Quelle)

Die zehn erfolgreichsten Musiksingles im zweitgroessten Musikmarkt der Welt, Japan, 2010. Genau zwei Bands (!) sind vertreten. AKB48 und Arashi (嵐). Interessant oder? Dazu ein paar Ausfuehrungen zu Japans Musik- und Kulturindustrie.

Arashi (嵐) ist das aktuelle Projekt von “Johnnies” und die Abloesung von “SMAP” (zu alt um Boyband zu sein). “Johnnies” ist eine Agentur, die sich seit langem darauf spezialisiert, Boybands zu produzieren. Dazu werden sogenannte “tarento” (von engl. talent) gecastet, die in einer eigenen “Johnnies” Schule darauf trainiert werden, erfolgreich und beliebt zu sein. Dazu lernen sie schauspielern, Witze reissen, tanzen und singen. Am Ende wird immer dasselbe Schema benutzt: Eine handvoll sehr junger Jungs singt seichte Popsongs und tanzt dazu  in genau einstudierter Choreographie. Der gesamte Autritt ist darauf ausgelegt, japanische Maedchen zum CD-Kauf oder sonstigem Konsum zu bringen.

“Johnnies” hat ein Monopol auf den Boybandmarkt und nutzt seinen gewaltigen Einfluss auf japanische Medien (Fernsehsender, Radiostationen, Magazine) um immer wieder neue Variationen von Schema F zum Erfolg zu verhelfen. “Johnnies”-“talents” sind besonders im japanischen Fernsehen allgegenwaertig und sie durchdringen den japanischen Alltag mit Werbespots, Auftritten in Filmen (siehe KimuTaku im Yamato-Realfilm), Werbung in Zuegen, Features in Zeitschriften …

Japanische Medien sind so sehr abhaengig von “Johnnies”, dass es in Japan kaum ernsthafte Kritik an der Agentur gibt. Selbst als “Johnnies” Boss Johnny Kitagawa Vorwuerfen zur Misshandlung und Vergewaltigung von Jungen in seiner Obhut ausgesetzt war, haben fast alle japanischen Medien lieber weggeschaut als nachzuforschen. NYT / Guardian* Letzten Endes hat Herr Kitagawa vor dem obersten Gerichtshof mit einer Klage auf Verleumdung gegen Shukan Bunshun (die den Skandal erst aufgedeckt hatten) einen Teilerfolg erzielt und das Magazin musste eine Strafe bezahlen, da es faelschlich berichtet hatte, minderjaehrige “Johnnies” Mitglieder haetten geraucht und getrunken. Brisant ist aber, dass der Bericht ueber sexuellen Noetigung / Vergewaltigung von Shukan Bunshun vom Gericht als gerechtfertigt angesehen wurde und dafuer keine Strafe gezahlt werden musste. Noch interessanter aber ist, dass es – soweit ich weiss – keine strafrechtlichen Ermittlungen gegen Herrn Kitagawa gibt, trotz zahlreicher (anonymer) Zeugenaussagen, die ihm Misshandlung und Vergewaltigung (minderjaehriger Jungs!) vorwerfen. Der Punkt: Das ganze Thema ist absolut wert, in den Medien behandelt zu werden, wurde aber weitestgehend ignoriert. Ich denke, das veranschaulicht seinen Einfluss sehr deutlich.

* Zur Tendenz japanischer Medien unangenehme Themen lieber auszublenden ein anderes Mal mehr!

AKB48.  Die – in Ermangelung eines besseren Begriffs – Gruppe ist ein Produkt von Yasushi Akimoto, der auch schon Morning Musume produziert hatte. Die Gruppe besteht gegenwaertig aus 57 (!) jungen Maedchen, die im Prinzip genau dasselbe tun wie ihre maennlichen Counterparts bei “Johnnies”: Tanzen, singen, schauspielern und im japanischen Fernsehen  vor allem in sogenannten “Variety”-Shows auftreten. Ich moechte hier noch ein paar Eigenschaften von AKB48 hervorheben: Alle Mitglieder sind gecastet, sehr jung (<25), weiblich und – vielleicht am wichtigsten – “kawaii” (niedlich). Die ganze Unternehmung ist wie auch die “Johnnies”-Bands professionell organisiert und Herr Yasushi hat etliche SpinOffs produziert, die meist, so wie auch AKB48, nach dem Ort an dem sie gewoehnlich auftreten, benannt sind. AKB steht in diesem Fall fuer den Tokyoter Stadtteil Akihabara. Derzeit sind 152 (!) Maedchen in den vier Hauptgruppen aktiv.

Was AKB48 und Arashi gemeinsam haben, sind die professionelle Ausrichtung auf eine bestimmte Zielgruppe, gemeinsam mit einer massenhaften und industriellen Vermarktung in allen japanischen Medien. Weiterhin haben die sogenannten “talents” nur sehr wenige Freiheiten und man kann davon ausgehen, das wirklich niemand von ihnen jemals etwas sagt, das nicht vorher vom jeweiligen Produzenten abgenickt wurde. Inhaltlich haben weder “Johnnies”-Bands noch AKB48 irgendetwas zu bieten. Es geht immer nur um Trivialitaeten (bei Fernsehauftritten und in Interviews) und die “Songs” sind vorgefertigte seichte Massenware, die wirklich niemanden zum Nachdenken provoziert. Das schiere Ausmaß der Professionalitaet und der industriellen Fertigung von Kultur in Japan ist atemberaubend.

Damit kommen wir nun zu Herrn Adorno und seinem Begriff der Kulturindustrie. Hierzu erst einmal die deutsche Wikipedia Definition:

„Kulturindustrie“ ist ein komplexer und kein statischer Begriff und entzieht sich einer eindeutigen Definition. Mit dem Begriff Kulturindustrie werden meist die Kernthesen des Kapitels gemeint: Alle Kultur wird zur Ware; Kunst definiert sich über ihren ökonomischen Wert, nicht nach ästhetischen Gesichtspunkten, die für die Analyse des autonomen Kunstwerks der bürgerlichen Gesellschaft eine Rolle spielen. So wird das Ästhetische selbst zu Funktion der Ware, indem es die Bilder der Reklame vorbestimmt.

(Der Name des Kapitels lautet: „Kulturindustrie – Aufklärung als Massenbetrug“)

Kurz gesagt beschreibt Herr Adorno wie in kapitalistischen Gesellschaftssystemen Kultur zu einer reinen Ware verkommt und jegliches Potential von Kunst und Kultur zur Veraenderung der Gesellschaft dem Streben nach Gewinnmaximierung untergeordnet wird. Das bedeutet: a) Das Individuum wird von der Kulturindustrie auf die Konsumentenrolle reduziert. b) Die Kulturindustrie speist die Konsumenten mit trivialen, oberflächlichen Nichtigkeiten. (Kopiert von Wikipedia) Herr Adorno (und Max Horkheimer) schrieb die “Dialektik der Aufklaerung” (“Kulturindustrie – Aufklaerung als Massenbetrug” ist ein Kapitel davon) waehrend seines Exils im zweiten Weltkrieg in Amerika.

Die Anwendbarkeit seiner Thesen auf die japanische Unterhaltungsindustrie, repraesentiert durch, aber nicht beschraenkt auf, “Johnnies” und AKB48 ist fuer mich offensichtlich. Kultur wird als Ware produziert und hat keinerlei aesthetischen Wert, Individualitaet bzw. Originalitaet und – vielleicht am wichtigsten – auch keinerlei Kritik am bestehenden System. Das Individuum ist nur noch Konsument, was wunderbar durch die Art und Weise demonstriert wird mit der AKB48 und Arashi die Verkaufscharts anfuehren konnten. Bei Arashi wurde das Angebot verknappt, indem es keine oeffentlichen Vorfuehrungen ihrer Songs gab (Werbung gibt es durch Fernsehautritte etc. genug) und bei AKB wurden Fans mit Events dazu gebracht, die gleiche CD mehrfach zu kaufen. (Quelle) Ja, richtig gelesen. Die gleiche. CD. Mehrmals. Gekauft. Japans Unterhaltungsindustrie ist fuer mich Adornos real existierende Kulturindustrie. 
Wort des Tages: 文化産業 – bunkasangyou – Kulturindustrie

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Written by hanayagi

Februar 24, 2012 at 10:18 vormittags

7 Antworten

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  1. ja, es ist interessant zu sehen, wie die immergleichen schemata immer wieder auf’s neue funktionieren.und wie manipulierbar und vorhersehbar die konsumenten geworden sind. und in japan scheint sich das noch zuzuspitzen, aber in deutschland ist es im grunde nicht anders, oder?

    und ich bin mir sicher, dass es in japan genug unabhängige künstler und projekte gibt. und der, der sich dafür interessiert, der wird diese auch finden. wer keinen eigenen geschmack hat, gibt sich mit dem zufrieden, was die großen produzieren und bewerben.

    letztendlich bestimmen die leute ja, was kultur ist und konsumiert werden will. die meisten sind doch freiwillig in der rolle des konsumenten. sie wollen es gar nicht anders, oder doch?

    fragola

    Februar 24, 2012 at 12:00 nachmittags

  2. tatsächlich AKB48 in akiba allgegenwärtig!
    ich hatte mich doch erdreißt, nicht zu wissen was oder wer AKB48 ist…
    ich wurde dann gleich mit Wikipedia und Youtube eingenordet…

    ich erinnere mich an einen LKW, der in akiba immer im kreis gefahren ist mit werbung und lauter musik…
    das ist auf so einem ballungsgebiet tatsächlich die klassische massenbeeinflussung und/oder manipulation! wer “in” sein will muss das hören was der “durchschnitt” hört nun wird einem der “durchschnitt” von den medien sugeriert ein teufelskreis!
    ich kann da fragola nur zustimmen, dass wer die augen aufmacht und nach ein wenig individualität strebt, diese auch finden wird!

    Christian

    Februar 24, 2012 at 9:20 nachmittags

  3. Endlich konntest du mal einen Artikel über deine Lieblingsbands verfassen ;)

    anjifrosch

    Februar 25, 2012 at 3:32 vormittags

  4. Es ist Samstagmittag und das war ein sehr erfrischender Artikel! Nun habe ich nicht gerade viel Ahnung von J-Pop, aber ich denke, dass diese kleine “Übersetzungshilfe” über die Musikindustrie dort einen guten Ansatz und Einstieg für weitere Betrachtung bietet. Danke und weiter so :-)

    wmc

    Februar 25, 2012 at 12:25 nachmittags

  5. @Fragola Ja in Deutschland, Europa und den USA ist es im Grunde nicht anders. Gefuehlt wuerde ich sagen, dass die Entwicklung zur Kulturindustrie im Moment so laeuft: Japan > USA > Europa.
    Was die freie Wahl angeht, so verfehlst du ein wenig den Punkt. Ja, natuerlich gibt es eine Gegenkultur. Nur hat diese Gegenkultur nicht die Produktionsmittel um sich – gegenueber dem Trommelfeuer der Kulturindustrie – Gehoer zu verschaffen. Fuer das Individuum ist es viel schwieriger kritische Inhalte zu finden, als einfach den Fernseher anzuschalten. Das bedeutet, selbst wenn es einige wenige gibt, die tatsaechlich Gegenstroemungen suchen – solange 98% die Waren der Kulturindustrie kaufen, ist es schlicht nicht bedeutsam.

    @Christian Diese Wagen sieht man auch in Shinjuku und Shibuya oft. Schon merkwuerdig, wie verschieden Werbung in verschiedenen Laendern ist. In Deutschland wuerde das vermutlich Ruhestoerung genannt werden.

    @Verdammt, ich wurde heute schon zum zweiten Mal durchschaut :/ Meine geheime Agenda der Johnnies Werbung ist nicht mehr geheim :/

    @WMC Danke fuer die Blumen :)

    hanayagi

    Februar 26, 2012 at 2:19 vormittags

  6. […] vielleicht nach Japan, um vielleicht herzuleiten, was uns erwartet? Jedenfalls verschlang ich diese kritische Artikelreihe, über Medien in Japan förmlich. Vielen Dank für die Arbeit! Und ich werde mich in Zukunft noch etwas mehr mit Adorno […]

  7. […] vielleicht nach Japan, um vielleicht herzuleiten, was uns erwartet? Jedenfalls verschlang ich diese kritische Artikelreihe, über Medien in Japan förmlich. Vielen Dank für die Arbeit! Und ich werde mich in Zukunft noch etwas mehr mit Adorno […]

    | Ende November

    Dezember 17, 2013 at 10:38 vormittags


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