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Japanisch – oder: Die unendliche Geschichte

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Japanisch lernen hat als Westler immer einen gewissen Masochismus an sich. Es ist einfach viel schwerer als alle europaeischen Sprachen.

Schon der Einstieg ist schwer: Hiragana und Katakana (zusammen Kana  genannt) lernen dauert, wenn man schnell lernt und fleissig ist zwei Wochen. Bis man sie dann wirklich beherrscht … so drei, vier Monate, je nach Lernzeit.

Aber Hiragana und Katakana sind nur der Anfang. Wer denkt „hui jetzt habe ich 100 Zeichen gelernt, was bin ich toll“, denkt leider falsch. Nach den Kana kommen die Kanji. Davon sollte man nochmal so um die 2000 lernen, wenn man denn halbwegs lesen koennen will.

Das sind dann mal eben so 2 – 3 Jahre, die man im Prinzip nur fuer die Kanji benoetigt. Das Dumme ist, das man damit noch kein Japanisch spricht.  Die Grammatik des Japanischen ist zwar relativ einfach, aber da es in der Sprache leider keinerlei Uebereinstimmungen oder auch nur Aehnlichkeiten  zu europaeischen Sprachen gibt, ist jede einzelne Vokabel, die einem ueber den Weg laeuft wirklich „neu“.  Wer als Deutscher Englisch lernt, muss nur jedes dritte Wort wirklich „lernen“ und wer Franzoesisch lernt jedes Zweite. Wer Japanisch lernt muss wirklich jede einzelne Vokabel lernen.

Wir haben also:  ca. 2100 Zeichen + viele boese in keiner Weise mit europaeischen Sprachen verwandte Vokabeln.

Damit ist aber noch nicht genug: Auch die Art und Weise wie Japanisch funktioniert, wie man denkt, ist in Teilen grundverschieden von der europaeischen Denkweise.

Das faengt bei – aus Sicht von Fortgeschrittenen – einfachen Problemen, wie der Anrede und der Selbstbezeichnung an. Japanisch-Anfaenger sind nicht selten verwirrt, wann man denn nun „san“ „kun“ „chan“ „sama“ „sensei“ … sagt. Im Englischen gibt es „you“ als direkte Ansprache. Im Deutschen immerhin „Du“ und „Sie“. Im Japanischen … nun ja, fuer den Anfang siehe oben.

Und wenn man von sich selbst spricht („ich“): Heisst es „ore“, „boku“, „watashi“, „atashi“, „watakushi“ ….?

Was der Unterschied zwischen diesen Woertern ist? Nun ja der Kontext. Im Japanischen ist der Kontext der Dreh- und Angelpunkt fuer so ziemlich alles. Vom Kontext haengt es auch ab, wie ich jemanden anspreche: Ist er aelter oder juenger? Sozial gleichgestellt, hoeher oder niedriger? Welche Funktion hat er in der Gruppe? Oder wenn ich von mir selbst spreche: Bin ich bewusst „maennlich“ oder „weiblich“, hoeflich oder rauhbeinig?

Aber damit reisse ich nur die Oberflaeche dessen an, was man als Japanischlerner zu erleiden hat.

Temperaturen: Kaltes und warmes Wasser haben im Japanischen eigene Woerter; es gibt zwei verschiedene Kanj, mit der Bedeutung „warm“, die nur in bestimmten Situationen benutzt werden; es gibt zwei Worte fuer kalt unterschieden nach Wetter und „Materie, die man am eigenen Leib spuert“; das gleiche fuer „heiss“.

Farben: Die Farbe „aoi“ ist quasi blau und gruen in einem. Es gibt aber noch „midori“, womit das Gruen von Pflanzen bezeichnet wird. Ampeln sind uebrigens „aoi“.

Homophone: „atsui“ (heiss/dick), „wan“ (Hund/eins), koi (Karpfen, Liebe, Komm!, dicht)

Nur ein paar Beispiele …

Dann gibt es noch die beruehmten Hoeflichkeitsstufen, sowie Sozio/Sexolekte:

Die japanische Sprache ist durchsetzt von einem Gefuehl fuer Hierarchie, wie es in Deutschland seit gut 100 Jahren nicht mehr existiert. Wenn ich mit meinem Abteilungsleiter spreche, muss ich eine andere Art zu sprechen benutzen, als gegenueber einem „gleichgestellten“ Kollegen. Wenn ich mit meiner Freundin spreche, aendert sich die Art und Weise, wie ich spreche wieder extrem. Kinder? Alte Leute? Frauen? ….

Alle haben sie ihre eigenen Sozio- und Sexolekt-Woerter, dazu kommt dann noch die ganze Hierarchie-Schiene. Man muss staendig auf der Hut sein, den richtigen Ton zu treffen. Selbstverstaendlich machen auch Japaner dabei Fehler.

Ich bin mir bewusst, dass es Sozio- und Sexolekte auch in anderen Sprachen gibt. Aber ich bin der Ueberzeugung, dass sie im Japanischen besonders stark sind. Speziell die Hoeflichkeitsstufen sind fuer Deutsche und mehr noch fuer Englisch-Muttersprachler einfach nur muehsam.

Ich selbst habe im Japanischen mehrere Phasen durchlaufen: Das sture Pauken an der Uni, der erste Aufenthalt in Japan und die ersten zaghaften Versuche den Alltag in Japan sowie die Freundin zu meistern, die zweite japanische Freundin in Oesterreich und viel Selbstsicherheit in der Alltagskonversation, JLPT1 bestanden und viel Selbstvertrauen in meine Japanisch-Faehigkeiten allgemein, zweiter Japanaufenthalt; erschuettertes Selbstbewusstsein durch Japanisch im Job und Saufabende mit Japanern, gleichzeitig aber grosses Selbstbewusstsein, weil es trotz aller Probleme irgendwie weitergeht.

Ein ewiges auf und ab, wie mir scheint. Ich frage mich, ob es irgendwann mal eine Zeit geben wird, in der ich mich entspannt zuruecklehne und sage: Ja, jetzt habe ich Japanisch gemeistert.

Ich bezweifle es.

Aber trotz allem: Japanisch ist eine wunderschoene Sprache. Sie ist zu grosser Poesie faehig und kann fantastisch Gefuehle und Stimmungen ausdruecken. Es ist auf jeden Fall eine Bereicherung Japanisch zu lernen … wenn man bereit ist zu leiden.

Wort des Tages: 上下関係 – jougekankei – Woertlich: Oben-unten Beziehungen. Freier: Hierarchie.

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Written by hanayagi

Februar 3, 2012 um 9:34 am

Veröffentlicht in Japan - Privat, Japanisch

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