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Japanische Ansichten

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Der heutige Eintrag ist aufgrund persoenlicher Erfahrung geschrieben und ziemlich spekulativ. Ich weiss wirklich nicht, ob meine „Beobachtungen“ sich verallgemeinern lassen oder auch nur akkurat sind, finde es aber trotzdem interessant ueber diese Themen nachzudenken.

 

Ueber Mitleid

Es gibt in der japanischen Sprache mehrere Moeglichkeiten sein Mitleid auszudruecken. Die haeufigste ist sicher „kawaisou“ (かわいそう). „kawaisou“ benutzt man im Allgemeinen so wie im Deutschen „du Armer“ / „der bzw. die Arme“. Aber leider ist es nicht ganz so einfach. Ich bin sowohl im offiziellen Rahmen, also auf Arbeit, als auch im privaten Rahmen (Freundin) schon mehrere Male angepflaumt worden, als ich jemanden als „kawaisou“ bezeichnete. Letztens habe ich mich deshalb mal mit Freundin angelegt und wir haben dann lange darueber diskutiert, wie man Mitleid ausdruecken oder dem anderen beistehen kann.

Ich glaube, hier besteht ein ziemlich wesentlicher Unterschied im Denken von Japanern und Westlern. Die einzelnen Punkte, die wir herausgearbeitet haben, die aber keineswegs richtig sein muessen, sind:

1) „kawaisou“ wird oft als anmassend empfunden, so, als ob man sich von oben herab lustig macht. Im Deutschen vielleicht „Oh, du armer“ mit ironischer Betonung.

2) Dieser herablassende Eindruck hat vielleicht etwas mit der Art wie Japaner kommunizieren zu tun. Man gibt in Japan im Allgemeinen nicht so sehr seine eigene Meinung und Gefuehle zum besten, wie z.B. in Deutschland. Daher wirkt eine solche Aeusserung auf viele Japaner vielleicht oft deplaziert und erzeugt Unmut.

3) Ich habe die Vermutung, dass die Idee „Mitleid“ als solche in Japan generell nicht so stark verwurzelt ist wie in Deutschland. Ich vermute das liegt am geschichtlichen Einfluss der christlichen Kirche in Deutschland. Einen solchen Einfluss hat es hier nie gegeben. Ich vermute weiterhin, das ist auch der Grund, warum es regelmaessig Meldungen in der westlichen Presse gibt ueber „unmenschliche“ Japaner, die anderen Japanern, die z.B. im Ausland als Geiseln genommen wurden oder sich dort Krankheiten zugezogen haben, genau das zum Vorwurf machen. Nach dem Motto: „Selbst Schuld wenn du dich in Gefahr begibst und nun belaestige / gefaehrde uns bitte nicht mit deinen selbstverschuldeten Problemen.“ Kurz gesagt kommt hier vielleicht das Primat des Wohles der Gruppe ueber das Leid des Einzelnen zum tragen.

4) Ein letzter Punkt ueber den ich ein wenig nachgedacht habe, ist das Verhaeltnis zwischen Individuen in Japan und Deutschland. Man sagt im Allgemeinen Japaner haetten „starke Bindungen“, waehrend Deutsche eher „schwache Bindungen“ haben. Daraus folgt dann evtl., dass man in Deutschland wesentlich haeufiger und „leicht-sinniger“ sein Mitleid ausdrueckt, was in Japan als unaufrichtig oder gar anmassend wahrgenommen wird.

 

Ueber Menschlichkeit

Vorgestern ging es meiner Freundin ueberhaupt nicht gut. Sie hatte schon am Vortag starke Rueckenschmerzen und hat sich dann doch zur Arbeit geschleppt, in der Hoffnung, dass sie es ertragen kann. Konnte sie nicht. Sie ging dann kurz nach dem Eintreffen auf Arbeit zu ihrer Chefin um sich wegen ihrer Schmerzen einen Tag krank zu melden. Die Chefin reagierte sehr erbost und fuhr meine Freundin (26) an: „So etwas ist als Angestellter / Erwachsener inakzeptabel.“, „So etwas ist menschlich inakzeptabel.“ und „Sprich mal mit deinem Vater, damit der dir sagt, wie man sich als Erwachsener richtig verhaelt.“. Freundin war dann noch so doof zu sagen, dass sie an dem Tag davor in der Stadt unterwegs war (Schuhe fuer die Arbeit kaufen und zum deutschen Baecker in Nihonbashi), worauf Chefin ihr noch empfahl, dass sie an freien Tagen gefaelligst ausruhen soll, um fit fuer die Arbeit zu bleiben.Sie bekam den Tag „frei“, musste dafuer aber den darauffolgenden Tag arbeiten, der eigentlich frei war.

Ich habe sie dann ins Krankenhaus gefahren, wo ihr eine zerquetschte Bandscheide diagnostiziert wurde (medizinisch vielleicht falsch ausgedrueckt, jedenfalls ist der Zwischenraum zwischen zwei Rueckenwirbeln zusammengepresst worden). Ursache ist ganz klar das staendige Stehen auf Arbeit, Behandlung mit Schmerzmitteln und Rueckenpflastern war kein grosses Problem. Gestern und heute hat sie wieder normal gearbeitet und nur noch leichte Schmerzen.

Interessant an dem ganzen Vorgang ist die Reaktion der Chefin. Zuerst kommt das Wohl der Firma und dann das Wohl des Menschen. Auch an freien Tagen hat man im Sinne der Firma zu leben. Und wenn man krank wird, ist das weniger ein Problem des Betreffenden als der Firma, fuer das der Betreffende sich auch noch entschuldigen muss.

Ich kann mir gut vorstellen, dass auch deutsche Vorgesetzte (Meister – Lehrling z.B.) aehnlich schlecht mit ihren Angestellten umgehen und in Entwicklungs- und Schwellenlaendern wie z.B. in China muessen die Menschen sicher sogar noch mehr zurueckstecken / leiden, aber ich finde es dennoch krass.

Am Ende noch ein kleines Zitat von Yukio Hatoyama, Chef der DPJ und wohl bald japanischer Ministerpraesident. Hervorhebung von mir.

In the post-Cold War period, Japan has been continually buffeted by the winds of market fundamentalism in a U.S.-led movement that is more usually called globalization. In the fundamentalist pursuit of capitalism people are treated not as an end but as a means. Consequently, human dignity is lost.

Aus dem Mund des steinreichen Tokyo University / Stanford Absolventen Hatoyama klingt das zwar nicht so furchtbar glaubwuerdig, aber er spricht mir dennoch aus dem Herzen.

Written by hanayagi

Februar 3, 2012 um 1:49 pm

Veröffentlicht in Alles mit Kultur, Tagesgeschehen

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