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Japanische Befindlichkeiten # 2

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Ich habe gestern und heute ein paar interessante Gespraeche mit Japanern gefuehrt, die ich euch nicht vorenthalten moechte.

Gestern abend habe ich zwei der Insassen (beide Mittelschullehrer) meines Wohnheims mal ein wenig auf den Zahn gefuehlt, was sie so zu verschiedenen politischen Themen zu sagen haben.

1) Yasukuni-Jinja / 2ter Weltkrieg: Mein Vorurteil hat sich wieder einmal bestaetigt. Junge Japaner wissen wenig bis nichts ueber den 2ten Weltkrieg und vor allem die Rolle, die Japan darin gespielt hat. Warum Japan in den zweiten Weltkrieg verwickelt wurde? (Frage war absichtlich sehr vage gestellt) – Keine Ahnung.  Welche Beziehung hatte die Besatzung der Mandschurei mit dem zweiten Weltkrieg? – Keine Ahnung.  Wer hat Schuld am 2ten Weltkrieg? – Keine Ahnung. Wo genau liegt die Problematik des Yasukuni-Jinja? – Keine Ahnung.  Was ist im zweiten Weltkrieg denn nun eigentlich ueberhaupt geschehen (aus japanischer Sicht)? – (etwa) Naja der MacArthur ist eine Weile nach Japan gekommen. (WTF? Das ist alles?)

Ich haette nicht einmal ein Problem damit, wenn sie einiges falsch verstanden oder verwechselt haetten. Aber diese voellige Ahnungslosigkeit ist schon erschreckend.

Auf Nachfrage haben meine Mitbewohner mir dann erzaehlt, dass sie in der 7ten Klasse das Thema einmal behandelt haetten, und dann in der Oberschule japanische Geschichte fakultativ ist (beide hatten es nicht gewaehlt). Eine der beiden meinte dann noch, dass sie ja garnicht wisse, welchen Buechern man denn vertrauen duerfe zu dem Thema: Schulbuecher oder Buecher auf dem freien Markt? Schon allein diese Unsicherheit, die durch Unwissen hervorgerufen wird, ist bedenklich. Ich kann mir da den Vergleich zu Deutschland nicht verneifen: Selbst in der Hauptschule in D. (ist nicht boese gemeint) lernt man doch, was im 2ten Weltkrieg aus deutscher Sicht passiert ist. Auch (Neo)Nazi-Propaganda wird doch wohl kaum mit Geschichtsschreibung verwechselt?

Wie gesagt das waren beides Lehrer und beide wissen so wenig ueber Geschichte, dass es ein Leichtes sein duerfte, sie mit Propaganda zu blenden.

2) Die Entfuehrung von drei Japanern im Irak (Imai, Takato, Koriyama), zwei davon Journalisten,  einer Mitarbeiter einer Hilfsorganisation).

Wer die Thematik nicht kennt:

http://www.asyura2.com/0403/war51/msg/237.html

In Japan gab es zu der Entfuehrung andere Reaktionen, als man es in D. erwarten wuerde. Die Entfuehrten wurden zwar von vielen Menschen aufrichtig bedauert, aber viele Japaner haben ihnen auch unmissverstaendlich ihre Ablehnung gezeigt.

Daruf angesprochen aeusserte einer meiner Gespraechspartner folgende Ansicht: Die Entfuehrten haetten nicht in den Irak gehen duerfen. Es gebe schliesslich ein Verbot von Seiten der Regierung. Wer trotzdem geht, ist selbst Schuld. Aber nicht nur das: Er schadet auch dem Land Japan damit.

Auf meine Gegenfrage, ob es denn nicht die Aufgabe eines Journalisten sei, die Wahrheit zu ergruenden, notfalls auch vor Ort und in Gefahrengebieten, war die Antwort, dass es wichtiger sei im Sinne des Landes zu handeln. Vor allem aber muesse man die Verbote der Regierung achten.

Ich frage mich, ob Naechstenliebe im Westen, oder zumindest in D., einen anderen Stellenwert hat. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass man in D. das Leid von entfuehrten Journalisten ignoriert und darauf beharrt, dass diese schliesslich Regeln gebrochen haben. Diese Verletzung der Regeln ist nach deutschem Verstaendnis eben nicht wichtiger als das persoenlich Leid.  Auch das Verstaendnis davon, was eigentlich einen Journalisten ausmacht, scheint mir hier verschieden zu sein.

 

Dann wurde ich heute auf Arbeit von jemandem angesprochen, der zum Thema Lepra, bzw. der Einstellung der Menschen gegenueber Lepra forscht. Hier in Kusatsu gibt es eine der wenigen Leprakliniken in Japan, das hat wohl auch geschichtliche Gruende. Zumal Herr Baelz den Onsen in Kusatsu eine heilende Wirkung auf Lepra bescheinigte.

Interessantes ueber japanische Leprakolonien hier:

http://en.wikipedia.org/wiki/Leper_colony

http://news.bbc.co.uk/1/hi/world/asia-pacific/1350630.stm

Er wollte von mir wissen, ob man im englischen Sprachraum den Begriff „Leprosy“ benutzt, oder nur „Hansen’s disease“. Er erklaerte mir dazu, dass es im Japanischen neben dem Begriff ハンセン病 (hansenbyou) auch noch den Begriff 癩病 (raibyou) gibt. Dieser Begriff (bzw. dessen erstes Schriftzeichen) ist seinen Ausfuehrungen nach buddhistisch gepraegt und bedeutet „aussaetzig“. Weiterhin gibt es im Japanischen auch noch das englische Lehnwort レプロシー (repuroshy), welches man aber nicht benutzen sollte, da Japaner anscheinend davon ausgehen, dass das englische Leprosy ein aehnlich tabuisierter Begriff wie das japanische Raibyou ist.

Ich erklaerte ihm dann, dass im Englischen beide Begriffe benutzt werden, Hansen’s disease aber wissenschaflicher und damit „political correct“ klingt. Leprosy hat jedenfalls keine stark negative Konnotation.

Ich werde mir die Lepraklinik demnaechst mal anschauen gehen, interessiert mich ja doch. Ich finde es auch immer wieder interessant, wo „political correctness“ in den verschiedenen Sprachen auftaucht.

P.S. Ich bin mir bewusst, dass ich bei Themen, die das Gefuehlsleben und die Gedankenwelt „der Japaner“ zeigen sollen, immer nur Ausschnitte beschreiben kann und meine Argumentation ab und zu auf duennem Eis stattfindet. Ich bin da aber durchaus kritikfaehig.

Wort des Tages:

第二次世界大戦 - dainijisekaitaisen – zweiter Weltkrieg

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Written by hanayagi

Februar 3, 2012 um 9:28 am

Veröffentlicht in Alles mit Kultur, Tagesgeschehen

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