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Japanische Befindlichkeiten #4

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In Japan sind Geschenke bekanntermassen eine ziemlich wichtige Angelegenheit. Dabei dienen Geschenke in Japan vor allem dazu dem Gegenueber zu demonstrieren, dass man sich ihm verbunden fuehlt und ihm vermutlich – aus japanischer Sicht – zur Last gefallen ist. Eines der Schlagworte der japanischen Kultur „giri“ spielt hier eine grosse Rolle. „Giri“ (義理) bedeutet woertlich uebersetzt erst einmal Pflicht, aber darin erschoepft sich seine Bedeutung nicht. Unter „giri“ laufen alle Verbindlichkeiten und Pflichten, die das Individuum gegenueber seiner Umwelt hat. In Japan gibt es sehr viele dieser „Pflicht“-beziehungen. Darunter fallen zum Beispiel Vorgesetzte, Kollegen, Kunden, Familienmitglieder, Lehrer- eben alle, mit denen man etwas zu tun hat.

Alle diese Leute wollen dann natuerlich auch bedacht werden, wenn es mal wieder einen Anlass gibt zum schenken. Es ist dabei nicht wichtig originelle oder persoenliche Geschenke auszuwaehlen, Hauptsache man erfuellt seine Pflicht. Die wichtigsten und traditionellsten Saisons (gibt es da einen Plural?) zum Geschenke austauschen sind: Oseibo (お歳暮 – kurz vor Neujahr) und Ochuugen (お中元 – Mitte Juli).

Aber es gibt auch noch massenweise andere Gelegenheiten wie z.B. Valentinstag, „White day“ (da koennen sich Maenner fuer die am Valentinstag erhaltene Schokolade revanchieren), Weihnachten, Halloween, Muttertag, Vatertag, Reisen ins In- oder Ausland (man muss unbedingt Omiage (お土産) mitbringen) …

Man sieht, es wurden viele Feste aus dem Westen importiert. Allerdings haben sie sich – nun unter japanischen Vorzeichen – ziemlich veraendert. Am Valentinstag bekommt z.B. nicht nur der Schwarm Schokolade sondern alle oben Aufgezaehlten maennlichen Wesen: Kollegen, Vorgesetzte, Lehrer … Weihnachten dagegen ist nicht das Fest der Familie, sondern das der Liebenden (Liebespaare) zu dem es „Weihnachtskuchen“ mit Erdbeeren gibt (eine Erfindung der Japaner, soweit ich weiss), waehrend das (traditionelle, nicht aus dem Westen importierte) Neujahr das Fest der Familie ist.  … usw.

Da wir uns nun langsam dem Ochuugen naehern, wird schon seit Wochen in allen grossen Kaufhaeusern und vielen Supermaerkten ein Spezialsortiment angeboten mit Geschenken, wie sie fuer Ochuugen als angemessen angesehen werden. Da gibt es z.B. Getraenke, vor allem Bier und andere Alkoholika; Kaffeepulver; Seife; alle moeglichen Nahrungsmittel (selbst frisches Fleisch und Obst) …

Die Kaufhaeuser verpacken die Geschenke inklusive persoenlicher Widmung und verschicken sie – wenn gewuenscht – direkt an die Geschenkempfaenger (was bei frischen Sachen auch oft notwendig ist ^^)

In Firmen sind Geschenke an Kollegen und Vorgesetzte meines Wissens immer noch weit verbreitet, aber in Behoerden sind sie, wie es scheint, verpoent. Meine Kollegen jedenfalls meinen, dass es sich im Rathaus nicht schickt. Sie sehen es auch in der Naehe von „einschleimen“ und Bestechung.

P.S. Selbstverstaendlich dienen Geschenke in Europa – zu einem gewissen Grad – einem aehnlichen Zweck wie in Japan. Geschenke sind ja ueberhaupt nur dazu da menschliche Beziehungen zu verstaerken.

Der Begriff „Geschenk“ selbst ist uebrigens auch sehr spannend: Im Englischen gibt es u.a. das Wort „gift“ dafuer, was im Deutschen wiederum in „Mit-gift“ enthalten ist. Das deutsche (toedliche) „Gift“ wird im Englischen dafuer mit „poison“ ausgedruckt, welches seinerseits aus dem Franzoesischen uebernommen wurde. Der Grund dafuer ist, so habe ich mir einmal erzaehlen lassen, dass die Adeligen im mittelalterlichen Europa haeufig im Wortsinne „vergiftete“ Geschenke machten, mit denen sie Ihre Feinde toeten wollten.

P.P.S. Verdammt noch mal, lernt gefaelligst eure eigenen Toiletten zu benutzen, Japaner! … (heute hat schon wieder jemand die Toilette japanischen Stils verfehlt, was sehr, sehr unappetitliche Konsequenzen hat)Wort des Tages:

お中元 - ochuugen – „Sommergeschenk“

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Written by hanayagi

Februar 3, 2012 um 9:37 am

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