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Saure Erdbeeren – Japans versteckte Gastarbeiter

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Dieses Wochenende habe ich mir den Film „Saure Erdbeeren“ angeschaut, nachdem ich hier auf ihn aufmerksam geworden bin. Der Film ist eine deutsch-japanische Koproduktion, der die Ausbeutung von auslaendischen Billigarbeitnehmern in Japan beleuchtet.

Die Vorfuehrung des Films, die ich besucht habe, fand im Haus von „Second Harvest Japan“, einer NPO, die in Japan eine Art „Tafel“ aufzieht, statt. Das bedeutet, sie sammeln Nahrungsmittel von Firmen und Organisationen ein, die diese sonst – weil nicht mehr verkaeuflich – wegwerfen wuerden. Finanziert wird das Ganze durch privates Engangement / Spenden und Zuschuesse von sonstigen Organisationen (seit 2009 auch von der japanischen Regierung).

Der Vorfuehrungsraum war ein normales Wohnzimmer in das sich etwa 20 interessierte Auslaender und eine Handvoll Japaner draengten. Es gab lecker Erdbeeren – die nicht mehr verkaeuflich, aber immer noch sehr lecker waren – und ein paar Getraenke. Ausserdem hatten viele Zuschauer Snacks mitgebracht, die alle mit allen teilten.

Vor dem Film erzaehlte dann noch Debito Arudou (frueher: David Aldwinckle) etwas zum Thema (Billiglohn)-Gastarbeiter in Japan und zeigte ein paar Zahlen.

Nun aber zum Film:

Titel: Sour Strawberries – Japan’s hidden guest workers / Saure Erdbeeren – Japans versteckte Gastarbeiter

Erschienen: 2008

Regisseur / Produktion: Tilman König und Daniel Kremers

Sprache: Japanisch / Deutsch

Untertitel: Englisch / Japanisch

Es geht um auslaendische Arbeitnehmer, die in Japan mit sogenannten „Praxis“ oder „Trainings“-Visa („Kenshuu“ 研修 u.a.) nach Japan kommen, um ein wenig Geld zu verdienen bzw. sich neue Fertigkeiten anzueignen. Diese Auslaender stammen meist aus eher armen Laendern wie China und Brasilien.

Im Film wird das Los dieser Arbeitnehmer in Japan anhand von Interviews mit diversen Arbeitern aus China und Brasilien gezeigt. Zu Wort kommen auch Vertreter von Keidanren (eine Art japanischer BDI); einer Gewerkschaft, die sich auch um auslaendische Arbeitnehmer kuemmert; der Palamentsabgeordnete Kouno Taro, ein ehem. Finanzminister, wenn mich meine Erinnerung nicht truegt; der Parlamentsabgeordnete Tsurunen Marutei (aus Finnland stammend!); und der umstrittene Aktivist Debito Arudo.

Es wird gezeigt unter welchen Bedingungen die auslaendischen Arbeiter nach Japan kommen, welche Hintergruende es von Seiten der japanischen Wirtschaft und Gesellschaft gibt und wie die Gastarbeiter behandelt werden.

Dazu gibt es einige ziemlich schockierende Beispiele, die man in Japan wohl eher nicht erwartet haette.

Da ist zum Beispiel ein Arbeiter, der bei einem Arbeitsunfall seinen Unterarm verlor (geriet in eine Maschine) und daraufhin gefeuert wurde. Ein Vorgesetzter hatte ihm das wohl auch schon vorher gesagt: „Wenn du dich verletzt, bist du raus.“

Des Weiteren wird der Fall von drei Chinesen dargestellt, die nach fortgesetzter Ausnutzung durch ihren japanischen Arbeitgeber (unbezahlte Ueberstunden, niedriger Lohn, Nichtauszahlung von berechtigten Lohnforderungen, Schlaege auf den Kopf, Entwendung des Passes / Namensstempels) letzten Endes von ihrem Arbeitgeber mit Gewalt ausser Landes gebracht werden sollen, weil er sie nicht mehr benoetigt. Dazu heuert er eine Sicherheitsfirma an, die sich als Polizei ausgibt und die Arbeiter einschuechtern soll. Die Arbeiter wenden sich schliesslich an eine Gewerkschaft (die sich auch um Auslaender kuemmert), damit sie ihnen hilft. In einem dramatischen „Showdown“ halten Gewerkschaftsmitglieder die Angestellten des Sicherheitsdienstes auf, bis die Polizei eintrifft.

Zu den Hintergruenden wird der Bedarf der japanischen Wirtschaft nach Billiglohnarbeitern fuer gefaehrliche oder koerperlich anstrengende Taetigkeiten, fuer die sich kaum Japaner finden lassen (Erdbeeren pfluecken, Pflegesektor oder Bauarbeiten z.B.) erlaeutert.

Weiterhin wird die Ideologie der japanischen Politik nach der Japan ein homogenes Volk ist und untrainierte Arbeiter aus dem Ausland  doch bitte nicht in Japan Wurzeln schlagen sollen erklaert. Dazu gehoert auch, dass „Nikkeijin“, Brasilianer japanischer Abstammung, aufgrund ihres „Blutes“ eigentlich Japaner sind, die man nicht grossartig integrieren muss.

Als Resultat daraus folgen die oben angesprochenen „Trainings“ Visa, die auf fuenf Jahre (glaube ich) beschraenkt sind und die von japanischen Firmen benutzt werden, um billige Arbeiter ins Land zu holen.

Als Korrektiv dazu wird ein bekannter japanischer Gewerkschafter gezeigt, der sich fuer die Rechte der Gastarbeiter einsetzt und auch ein paar Protestaktionen von Gewerkschaftlern.

Herr Arudou darf sich dann noch zum Thema Auslaenderfeindlichkeit und Ladenverbote fuer Auslaender – basierend auf ihrem Aussehen – aeussern.

Alles in allem war der Film mit seinem trockenen und sehr dokumentarischen Stil sehr interessant und man kann den Machern keine Subjektivitaet vorwerfen, zumal Menschen mit sehr verschiedenen Hintergruenden und Blickwinkeln zu Wort kommen und der Kommentar von Seiten des Sprechers sehr knapp ist. Er erklaert nur in sehr wenigen Szenen die Hintergruende ohne zu werten.

Im Mittelpunkt stehen die Interviewpartner und das, was sie zu sagen haben.

Diese Objektivitaet und Un-emotionalitaet hat mir persoenlich sehr gut gefallen und hebt sich angenehm ab von vielen Massenmedien-Dokumentationen speziell aus dem englischen Sprachraum (von den unseligen Filmen eines M.Moore mal ganz zu schweigen).

Nach dem Film gab es noch eine recht lebhafte Diskussion zu den Themen „Rechte von Auslaendern in Japan“, „sexuelle Ausbeutung / Sklavenhandel von Auslaenderinnen“ und noch ein paar anderen Themen.

Interessant war auch zu erfahren, dass die Anzahl der Gastarbeiter, die mit „Trainings“-Visa nach Japan kamen, innerhalb von wenigen Jahren bis 2004 auf knapp 100000 pro Jahr anstieg, um dann nach einer Ermahnung durch die UN wegen „human trafficking“ – Sklavenhandel – auf etwa 20000 zu schrumpfen.

Herr Arudou als Moderator mit seinem Ruf als Polarisierer / Polemiker hat mich positiv ueberrascht, als er einen anderen Diskussionsteilnehmer zur Objektivitaet ermahnte, auch wenn ich sonst nicht so begeistert von ihm war, zumal er fleissig seine Buecher anpriess und ein wenig arrogant wirkte.

Wort des Tages: ドキュメンタリー dokyumentari- – Dokumentation

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Written by hanayagi

Februar 3, 2012 um 10:54 am

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