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Über Medien, Teil 5: Die Rolle der Medien in Japan

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Der heutige Teil meiner kleinen Artikelserie ist noch einmal etwas theorielastig. In diesem Artikel werde ich zuerst über „Pressclubs“ und die Struktur der Medien in Japan schreiben und dann die Begriffe Lapdog und Watchdog und ihre Bedeutung für Japan erklären.

Industriestruktur

In meinem ersten Artikel zum Thema Medien beschrieb ich die industrielle Produktionsweise von Kultur in Japan anhand der Beispiele AKB48 und Johnny’s. Heute möchte ich zuerst einmal einen Überblick über die Konzentration von medialer Macht in Japan geben und wie diese Konzentration ein undemokratisches System der Informationsverarbeitung mit dem Kern „Pressclubs“ schafft und unterhält.

1) In meinem Artikel zum Thema Fernsehen in Japan habe ich geschrieben, dass es in Japan beim (kostenlosen) terrestrischen Fernsehen im Normalfall etwa neun – zehn Kanäle gibt, die man schauen kann. Diese Kanäle beinhalten für gewöhnlich: NHK (staatliches Fernsehen), Nihon TV, TBS (Tokyo Broadcasting System), TV Tokyo, Fuji TV und TV Asahi  plus ein oder zwei regionale Stationen.

2) Im Printsektor sieht es kaum anders aus: Die „big 5+1“ aus meinem Artikel zum Zeitungsmarkt in Japan (Yomiuri, Asahi, Mainichi, Nikkei, Sankei und Tokyo Shimbun) dominieren die „seriösen“ Printmedien. Selbstverständlich (?) sind Zeitungen und Fernsehsender durch wechselseitige Beteilungen miteinander verwoben.*

*Die Boulevardmedien haben mit der Werbeagentur Dentsu ihr eigenes Abhängigkeitsproblem.

3) Damit haben wir zwei wichtige Spieler in der Informationsindustrie, aber es fehlt noch das japanische Pendant zu Reuters/AP und da hat Japan gleich zwei: Jiji Press (時事通信) und Kyodo Press (共同通信). Der Einfluß der Presseagenturen ist nicht zu unterschätzen, schaut einfach mal aufmerksam in der Zeitung nach den Quellen (meist am Anfang oder Ende eines Artikels).

Pressclubs

Ich fasse also zusammen: sechs nationale Fernsehsender, 5+1 nationale Zeitungen und zwei Presseagenturen und alle sind sie durch Betiligungen (cross-ownership) miteinander verbunden. Jetzt werden sich einige Leser sagen „Na und? Ist in Deutschland doch auch so?“. Das stimmt soweit auch, nur der grosse Unterschied ist, wie sich diese Informationsvermittler organisieren. In Japan geschieht das über sogenannte Pressclubs (記者クラブ). Diese Pressclubs gibt es in jedem japanischen Ministerium und natürlich im Parlament, Parteizentralen sowie einigen großen Firmen und anderen Institutionen. Die Mitglieder der Pressclubs sind meist die oben aufgelisteten Organisationen plus gegebenenfalls regionale Zeitungen/Fernsehsender.

Das tägliche Geschäft eines Pressclubs besteht darin, Informationen aus der jeweiligen Organisation zu verarbeiten und in publikationsfähiges Format zu gießen. Konkret bedeutet das z.B. an Pressekonferenzen teilnehmen und Pressemitteilungen bzw. Memos zu lesen. Ein Journalist in einem Presseclub bleibt dabei normalerweise über mehrere Jahre im selben Pressclub und wird so zum Fachreporter. Soweit, so gut, oder? Der Teufel liegt wie immer im Detail und ich möchte hier einige der größten Probleme auflisten:

1) Nur Medien die „dazugehören“ bekommen die Erlaubnis in einem Pressclub mitzuarbeiten. Damit wird von vornherein missliebige Konkurrenz ausgeschlossen.

2) Die Reporter und Firmen in den Pressclubs konkurrieren zwar durchaus miteinander, aber in den Pressclubs selbst sehen die Reporter sich als eine Einheit und haben Regeln, die man beachten muss, will man nicht als Aussätziger behandelt werden. Ich möchte jetzt nich zu sehr ins Detail gehen, aber ein Beispiel sei gestattet. Pressclubs haben oft sogenannte „Embargos“. Das bedeutet, dass eine Information nicht vor einem bestimmten Zeitpunkt heruasgegeben wird.  Wer ein „Embargo“ bricht, ist unten durch. Noch einmal deutlich gesagt: Hier wird Information zurückgehalten aufgrund von Gruppendruck.

3) In Punkt zwei wurde es schon ansatzweise deutlich, aber ich möchte es noch einmal hervorheben: Die Journalisten in den Pressclubs sind von ihrer jeweiligen Organisation abhängig. Wenn sie es sich mit ihr verscherzen, gibt es keine Informationen mehr und die Journalisten sind ohne Arbeit. Die Organisationen nutzen diesen Einfluß natürlich und manipulieren Informationen in ihrem jeweiligen Interesse. Es sind dann auch dieselben Quell-Organisationen, die z.B. Embargos verhängen und z.B. negative Bilanzen erst zu einem günstigen Zeitpunkt freigeben.

4) Reporter bleiben nicht nur lange im selben Pressclub, sondern sollen auch versuchen gute Beziehungen zu wichtigen Personen in der jeweiligen Organisation aufbauen um „Insider“Informationen zu bekommen. Das Problem dabei ist, dass der Reporter diese Informationen dann nicht veröffentlichen kann, da er zu nah am jeweiligen Politiker/Firmenlenker ist und seine Beziehung nicht riskieren möchte.

5) Die Organisationen wissen natürlich um die Nähe und Abhängigkeit der Reporter und sind ihnen gern behilflich mit Räumen und Büromaterial. Eine Hand wäscht die Andere …

Zusammenfassend gibt es also folgende Hauptprobleme: 1) Zu gr0ße Nähe von Reporter und Organisation, daraus folgend Abhängigkeit der Reporter, 2) Exklusivität der Mitgliedschaft, daraus folgend Gruppenbewusstsein und Gruppendruck.

Dieses System hat in Japan zu einigen faszinierenden Storys geführt, von denen ich eine besonders aufschlußreich finde:  Der Lockheed Skandal. Der damalige japanische Premierminister Tanaka Kakuei ließ sich von Lockheed bestechen (ich glaube, es ging um Flugzeugverkäufe). Die Story wurde zuerst von einem Shuukanshi (siehe Zeitschriften in Japan) veröffentlicht. Die „seriösen“ Medien in Japan ignorierten das jedoch. Die New York Times in Amerika allerdings bekam Wind davon und dadurch wurde es in den USA eine Story und es gab eine Senatsanhörung. Zu diesem Zeitpunkt konnten auch die „seriösen“ Medien die Story nicht mehr ignorieren und der Skandal wurde auch in Japan offiziell, mit Herrn Tanakas Rücktritt und Gefängnisaufenthalt als Resultat.

Ich möchte noch einmal hervorheben, dass die japanischen Medien die Story von Anfang an kannten, sie aber willentlich ignorierten bis sie es nicht mehr konnten. Und es ging um eine Story, die wichtig genug war, um nicht nur zum Rücktritt des Premierministers zu führen sondern zu seiner rechtskräftigen Verurteilung. (!!!)

Und wie kam es dazu? Herr Tanaka war ein sehr mächtiger Mann in der dauerregierenden LDP und wahrscheinlich der mächtigste Mann in Japan zu dem Zeitpunkt. Es waren natürlich auch Reporter von allen Mainstreammedien auf ihn angesetzt (und zwar aus einigen zentralen Pressclubs „Premierminister“, „LDP“ usw.) und diese Reporter taten, was von ihnen erwartet wurde: Sie bauten gute Beziehungen zu ihm auf – wurden abhängig. Und auch als ihnen klar wurde, was geschah, war ihnen der Schutz ihres Freundes/ihrer Quelle wichtiger als das Recht der Öffentlichkeit auf Informationen. (Aus der Erinnerung, falls Details nicht stimmen bitte Bescheid geben.)

„Watchdog“ oder „Lapdog“

In der Medienwissenschaft gibt es den Begriff „Watchdog“ oder zu Deutsch „Wachhund“, der die Funktion der Medien als Wachhund von Politik und Gesellschaft beschreibt. Die Rolle der Medien besteht dieser Interpretation zufolge darin, Missstände (= Skandale) aufzudecken und die Öffentlichkeit darüber zu informieren. Ein berühmtes Beispiel ist der Watergate Skandal, der von Bob Woodward und Bernstein aufgedeckt wurde, und zu Richard Nixons Rücktritt als U.S. Prädsident führte.

Dem gegenüber steht „Lapdog“ oder „Schoßhund“-Journalismus, der ebenfalls ein berühmtes Beispiel hat. Ich kopiere hier einfach einmal schamlos von Wikipedia (Hervorhebung von mir):

[…] Her front-page story quoted unnamed „American officials“ and „American intelligence experts“ who said the tubes were intended to be used to enrich nuclear material, and cited unnamed „Bush administration officials“ who claimed that in recent months, Iraq „stepped up its quest for nuclear weapons and has embarked on a worldwide hunt for materials to make an atomic bomb“. Miller added that

„Mr. Hussein’s dogged insistence on pursuing his nuclear ambitions, along with what defectors described in interviews as Iraq’s push to improve and expand Baghdad’s chemical and biological arsenals, have brought Iraq and the United States to the brink of war.“

Shortly after Miller’s article was published, Condoleezza Rice, Colin Powell and Donald Rumsfeld all appeared on television and pointed to Miller’s story as a contributory motive for going to war. Miller said of the controversy, „[M]y job isn’t to assess the government’s information and be an independent intelligence analyst myself. My job is to tell readers of the New York Times what the government thought about Iraq’s arsenal.“ Some have criticized this position, believing that a crucial function of a journalist is independently to assess information, to question sources, and to analyze information before reporting it. […]

Wer zu faul war, das zu lesen, oder kein Englisch spricht: Frau Miller hat Informationen aus dem Weißen Haus unter Bush über irakische Massenvernichtungswaffen (speziell atomare Waffen)  unkritisch übernommen und damit wissentlich oder unwissentlich Kriegspropaganda betrieben.

Nach meinen Auführungen oben, denke ich, es sollte deutlich sein, dass Japans „seriöse“ Medien eher ein „Lapdog“ als ein „Watchdog“ sind.
Abschließend noch ein Zitat vom Auswärtigen Amt Deutschlands, das ich sehr gelungen finde (Nummerierung von mir):

(1) Die großen japanischen Medien berichten meist objektiv und detailliert und verstehen sich als tragende Säule von Staat und Gesellschaft, weniger als vierte Gewalt. (2) Die so genannten Presseclubs, die von Regierungsstellen, Verbänden und wichtigen Wirtschaftsunternehmen unterhalten werden, schaffen eine größere Interessengemeinschaft zwischen den großen Medien einerseits und Staat und Wirtschaft andererseits, als dies in Deutschland denkbar wäre. (3) Bemühungen der seit 2009 regierenden Demokratischen Partei DPJ, die exklusive Rolle der Presseclubs einzuschränken, sind bisher nicht erfolgreich verlaufen.

(1) Ich sehe japanische Medien mittlerweile mehr als öffentliche Verlautbarungsorgane denn als verlässliche Informationsquellen. Wie sagte eine japanische Bekannte noch zu mir? „Seit Fukushima lese ich die Asahi Shimbun nicht mehr. Die teilt mit Tepco das Bett.“ (sie favorisierte übrigens die Tokyo Shimbun)

(2) Schön diplomatisch formuliert! In Deutschland wäre das undemokratisch und wahrscheinlich illegal.

(3) Ja, versucht haben sie es, ist aber zum großen Teil am Widerstand der Medien und anderer interessierter Parteien gescheitert.

Wort des Tages: 記者クラブ – kishakurabu – Pressclub

Written by hanayagi

März 11, 2012 um 5:08 am

Eine Antwort

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  1. Hmpf. Ich bin nich „schockiert“ über diesen Artikel. Die wichtigste Nachricht, die ich aus deinen Zeilen lesen kann ist: „Japanischer Journalismus ist noch aufdeckend, sondern nacherzählend, und dient in erster Linie dem häufig verspäteten, gezielten Verbreiten von getürkten Informationen durch die Problemmacher selbst.“
    Das klingt ein wenig traurig, aber ich bin gespannt, ob sich das noch lange so hält. Vielleicht geht’s nur mir so, aber seit Fukushima habe ich das Gefühl, dass die gesamte japanische Bevölkerung der Regierung zu misstrauen begonnen hat. Das könnte einige interessante, demokratische folgen haben (hoffe ich).

    Ich staune aber doch immer, wie gut du informiert bist
    Danke für den Artikel.

    日本に住んでるのはうらやましいな!^^
    だって今、僕はABI中だんで、あとは大学で日本学するつもりですよ!

    Horus

    März 11, 2012 at 8:23 pm


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