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Repost: Werbung mit Poesie

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Heute ist mir ein Werbezettel von Daiichiseimei (第一生命, eine grosse japanische Versicherung) auf meinen Schreibtisch geflattert. Die kommen jeden Donnerstag hier vorbei, aber normalerweise haben sie nur Bonbons ^^ Warum die das duerfen (wir sind schliesslich ein Rathaus, hier darf eigentlich keine Firma Werbung machen), weiss ich nicht. Dieser Werbezettel ist auf jeden Fall recht interessant. Die Werbung selbst ist eigentlich recht unauffaellig plaziert, im Mittelpunkt stehen 100 Haiku (japanische Kurzgedichte, klassischerweise mit der folgenden Silbenzaehlung 5 – 7 – 5), die von Buergern aus dem ganzen Land bei einem Wettbewerb eingeschickt wurden.

Wie einige meiner Leser vielleicht wissen, sind Haiku im Land von Matsuo Bashô und Buson (beides legendäre Haiku-Dichter) auch heute noch in Japan sehr beliebt. Der Haiku-Sammelband “Salat-Gedenken” (サラダ記念日, sarada kinenbi) von Tawara Machi (俵万智) wurde hierzulande knapp drei Millionen mal verkauft und jedes Kind hier kennt ihn. Die Haiku in Sarada-Kinenbi handeln uebrigens vom Alltagsleben der Japaner und sind fuer alle, die ein wenig Japanisch beherrschen, gut geeignet um ein wenig zu ueben.

Haiku zum Alltagsleben erfreuen sich auch im Japan des Jahres 2009 grosser Beliebtheit, speziell die sogenannten “Salaryman-Haiku”.

Haiku selbst sind eigentlich ganz einfach: Man baue einen Dreizeiler, der aus fuenf, dann sieben, dann wieder fuenf Silben besteht, gebe ihm (nicht zwingend) ein sogenanntes “Kigo” (季語), ein “Jahreszeitenwort” hinzu und fertig ist das Haiku. Das Problem liegt dabei natuerlich wie immer im Detail. Es ist leicht ein Haiku zu schreiben, es ist schwer ein “gutes” Haiku zu schreiben und es Bedarf schon einer Portion Genie um “meisterliche” Haiku vom Schlage eines Bashô zu schreiben.

Aber kommen wir zurück zum Anfangs angesprochenen Werbezettel.

Hier will ich die ersten drei Haiku einmal kurz vorstellen. Ich gebe dabei nur eine ungefaehre Uebersetzung wieder, ohne auf die Silbenzahl gross Ruecksicht zu nehmen.

#1

コスト下げ

やる気も一緒に

下げられる

kosuto sage, yaruki mo isshoni, sagerareru

Arbeitskosten runter

auch der Eifer beim Arbeiten

wird abgesenkt

Von einem “faehigen Manager”. Klingt irgendwie frappierend aehnlich wie die Klagen deutscher Arbeiter / Manager.

#2

パパ部長

家の中では

ママ社長

papabuchou, ie no naka de ha, mamashachou

Abteilungsleiter Papa

aber zu Hause ist

Mama der Boss

Das deutsche Wort “Abteilungsleiter” gibt die herausgehobene Position eines “Buchou” allerdings nur unzureichend wieder. Ein “Buchou” gehoert schon zum oberen Management.

Jaja unsere Pantoffelhelden ;) Gibt’s halt ueberall. Eingesandt von einem “einfachen Beamten”.

#3

「明日有休」

妻の舌打ち

気のせいか

asu yuukyuu, tsuma no shitauchi, kinosei ka

“Morgen habe ich frei”

meine Frau schnalzt mit der Zunge

ah, ich bilde es mir vielleicht nur ein

In der ersten Zeile sind es, wenn ich mich nicht verzaehlt habe, sechs Silben, mit der Lesung “ashita” fuer “morgen” sind sogar sieben Silben denkbar. Das ist normal in gegenwaertigen Gedichten, es muss nicht unbedingt immer genau das Silbenmass eingehalten werden. Ich finde dieses Haiku sehr genial. Klingt nach prallem Leben ;) Eingesandt von einem “liebenden Ehemann”.

Wort des Tages: 俳句 - haiku – klassisches japanisches Gedicht im Versmass 5 – 7 – 5, das Zeichen 句 (ku) allein wird auch verstanden und z.B. als Zaehlwort benutzt.

Written by hanayagi

April 28, 2012 um 1:09 am

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