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Archive for Juli 2012

Anti-Atom Demo(s) in Japan

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Tabibito war da. Ich war da. Wer noch? Hier also mein Bericht zur Großdemo vom Montag.

Erst einmal eine kleine Fotogallerie:

„Gebt uns ein strahlenfreies Fukushima zurück!“

„Herr Noda (Premierminister. Juli 2012), haben Sie Fukushima schon vergessen?“ „Gegen die Wiederinbetriebnahme von Kernkraftwerken.“

Papa mit Kind. „Keine Kernkraft!“

„Wir brauchen keine Kernkraft.“ „Ihr dürft uns unsere Zukunft nicht rauben!“

Bei der Demo am Montag versammelten sich zwischen 70.000 (Polizeiangaben) und 170.000 (Veranstalter) Menschen aus ganz Japan um gegen Atomkraft und gegen das Wiederanfahren der japanischen Atomkraftwerke zu protestieren. Treffpunkt war der zentral gelegene Yoyogi Park bzw. dessen Shibuya zugewandte Seite. Es gab ein umfangreiches Rahmenprogamm mit Shows und Vorträgen von berühmten Künstlern und Intellektuellen (z.B. Literaturnobelpreisträger Oe Kenzaburo). Die Demo selbst fand zwischen 13.30 Uhr und 17.30 Uhr statt und es gab drei Routen, die jeweils ungefähr drei Kilometer lang waren. Der Verkehr wurde nur zum Teil gesperrt, was dazu führte, dass durch Ampelphasen einzelne Gruppen von ein paar Dutzend Demonstranten geschaffen wurden (siehe letztes Bild).

 

Ein paar Eindrücke:

– Es war sehr heiß aber trotzdem kamen sehr viele Menschen aus allen Altersgruppen und Teilen Japans. Auf einem Foto oben sieht man einen Vater mit Kinderwagen. Bei der Demo liefen neben mir ein altes Paar und eine junge Frau, die extra aus der Präfektur Iwate angereist war. Auch eine Hochschwangere habe ich gesehen.

– Die Demo wurde von NPOs und Gewerkschaften organisiert, aber es gab auch viele „unorganisierte“ Teilnehmer.

– Durch die nur teilweise Sperrung des Verkehrs wurden die Menschen in einzelne kleine Gruppen aufgeteilt und da die Straßen nur einseitig gesperrt waren, ging die Demonstration im Stadtverkehr ein bisschen unter. Ich fand die ganze Situation sehr schade, denn es waren wirklich sehr viele Menschen am Versammlungsort, aber kaum 200 Meter davon entfernt konnte das kein Passant auch nur erahnen. Die ganze Demo sah auf einmal aus wie ein Haufen versprengter Hitzköpfe. Ob das Absicht war oder nur Notwendigkeit im immer beschäftigten Shibuya kann ich nicht beurteilen.

– Das oben erwähnte ältere Paar erzählte mir, dass man in Japan immer nur gehört hätte Atomkraft sei sicher und Japan brauche die Atomkraft. (Wer sich nur ein bisschen mit dem Thema beschäftigt, wird zwangsläufig auf die Propaganda der Regierung und Energiekonzerne stoßen, die in Nachkriegsjapan der Atomkraft den Weg ebnete.) Miyuki hat in einem Kommentar in diesem Blog ähnliches geschrieben. Das alte Paar hat sich ausserdem gewundert, warum es in einem Land mit derart vielen Erdbeben Atomkraftwerke gibt. Während der Demo konnte man auch häufig entsprechende Slogans hören.

– Ein Grund warum ich bei der Demo sein wollte, war dass ich einfach einmal massiven populären politischen Aktivismus in Japan sehen wollte. Das gab es m.W. hier nicht mehr seit den Anpo-Verträgen bzw. dem Bau des Flughafens Narita. Ich hatte dann auch den Eindruck, dass man das Demonstrieren nicht gewohnt ist. Keine Trillerpfeifen, wenige große Plakate, verhalten gemurmelte Sprechchöre. *Japanversteher-Hut aufsetz* In Japan ist man es eben einfach nicht gewohnt laut zu sein …

 

Wort des Tages: 反原発運動 – hangenpatsu undo – Gegen-Atomkraft-Bewegung

 

P.S. Es finden jeden Freitag Demos gegen Atomkraft vor dem Sitz des Premierministers in Tokyo statt. Werde mich da nächste Woche auch einmal hinbegeben. Jemand Lust mitzukommen?

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Written by hanayagi

Juli 21, 2012 at 3:39 am

Zurück in Tokyo

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Ja, ich bin wieder da! Ich hatte mir selbst eigentlich vorgenommen den Blog auch während der 10 Tage, die ich arbeitsbedingt nicht in Tokyo war, zu betreiben. Aber … sorry, ich war abends einfach zu faul/müde.

Als Ausgleich gibt es heute ein paar Fotos, die ich während dieser Zeit bzw. ein paar Tage davor gemacht habe.

Vor ungef:hr zwei Wochen fegte ein Taifun über Tokyo hinweg. Den Baum hinten auf dem Bild hat es dabei erwischt.

Nachdem wir etwa vier Jahre in direkter Nähe des Ghibli-Museums gewohnt haben, haben wir uns endlich aufgerafft, uns dieses auch einmal anzusehen. Leider ist Herr Miyazaki ein Copyright-nazi sehr auf sein geistiges Eigentum erpicht und Fotos im Gebäude sind nicht erlaubt.

Totoro!

Hübsch, hübsch!

Kekse mit Softeisgeschmack? Aba sicha! (hat übrigens nicht mal schlecht geschmeckt)

Bei über 30 Grad im Schatten und 60% Luftfeuchtigkeit kann man auch mal alle viere baumeln lassen. 😉

„Etikette-Beutel“. Wie heissen Kotztüten in Deutschland offiziell?

In Japan können sogar Absperrungen niedlich sein. Ich sehe schon junge Japanerinnern „kawaii“ in NHK-Mikrofone kreischen.

Ich habe schon seit einer Weile die Theorie, dass es in Japan nicht nur eine Fixierung auf die Jugend gibt, sondern auch Diskriminierung von allen nicht-alten Menschen. Fest steht auf jeden Fall, dass Werbemenschen in Japan (und wohl nicht nur dort) ältere Menschen mögen, da die das meiste Geld haben. In dieser Werbung wird 40 – 50 jährigen eine billigere Autoversicherung versprochen, da sie die sichersten Fahrer wären. Das mag auch stimmen. Nur, was mir nicht gefällt ist die Wortwahl:

„Die Autoversicherung für Erwachsene“

„Verglichen mit jungen Menschen haben Menschen in den 40ern und 50ern weniger Unfälle. Dann sollte auch die Versicherung billiger sein.“ (das ist ganz OK und steht hier nur der Vollstaendigkeit halber)

„Ab 40 Jahren sollte man die Versicherung für Erwachsene wählen.“

Ich habe das schon öfter gesehen. In Japan scheint es eine Vorstellung von „erwachsen sein“ zu geben, die neben einem gesetzten Alter auch einen gewissen Lebensstandard (Auto, Haus) vorraussetzt. Wer sich diesen Lebensstandard nicht leisten kann oder gar unter 40 ist, muss damit also ein Kind sein. Ich weiss ja nicht …

Wort des Tages:  大人 – otona – Erwachsen(er)

Herr Ozawa und die politische Kultur Japans

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Tabibito hat hier schon einen Artikel zum Thema Ozawa verfasst. Genau wie Tabibito auch kann ich Herrn Ozawa nicht ausstehen. Aber vielleicht eine kurze Erklaerung:

In Japan ist das groesste Thema in den Medien seit Wochen die Erhoehung der Mehrwertsteuer von 5% auf 10%. Premierminister Noda hat sich dieses Ziel auf die Fahne geschrieben und hatte bei der Abstimmung vor 3 Tagen (ungefaehr) Erfolg. Daran waren vor ihm schon etliche Premierminister gescheitert und ich war davon ausgegangen, dass das politischer Selbstmord ist. Aber wider Erwarten ist es ihm gelungen. Respekt dafuer.

Herr Noda konnte das Gesetz nur durch das Unterhaus bringen, weil er die Unterstuetzung der beiden Oppositionsparteien LDP/Komeito hatte. In seiner eigenen Partei waren etliche Abgeordnete dagegen, allen voran Herr Ozawa und die von ihm abhaengigen Abgeordneten (auch „Ozawa Children“ genannt in den Medien). Herr Ozawa war aber nicht nur gegen die Mehrwertsteuererhoehung, was meiner Meinung nach akzeptabel ist, sondern hat dies auch noch bei jeder Gelegenheit herausposaunt. Damit war er eigentlich jeden Tag in den Abendnachrichten. Um es noch einmal deutlich zu sagen: Herr Ozawa hat oeffentlich und wiederholt in den Medien der Parteilinie in sehr deutlichen Worten widersprochen. Der Feind in den eigenen Reihen …

Mit Verabschiedung des Gesetzes im Unterhaus hat Herr Ozawa nun also die Konsequenz gezogen und ist aus der DPJ ausgetreten. Und hat dabei gleich noch 52 weitere Abgeordnete mitgenommen. Scheiss auf Zweiparteiensystem, Demokratie und so …

 

Was hat das alles nun mit der politischen Kultur Japans zu tun?

Eine ganze Menge. Herr Ozawa ist ein typisches Beispiel der Mentalitaet vieler japanischer Politiker. Sie kaempfen nicht fuer eine Partei sondern nur fuer sich selbst und vielleicht auch fuer ein paar meist vorgeschobene Ideale. Ein Problem der parlamentarischen Demokratie in Japan ist meiner Meinung nach das Fehlen von Ideologie. Ideologie bindet naemlich und formt Gruppen. Der Mangel an Ideologie ist genauso ein Problem wie die uebertriebene Ideologisierung in der US Politik. Beides wirkt laehmend auf eine echte, gesellschaftsformende Politik.

Machtmenschen wie Ozawa kaempfen nicht in einer Partei fuer ein gesellschaftliches Ideal und Milieu wie es alle Parteien in Deutschland tun, sondern nur fuer ihre eigene Karriere. Die „Volksparteien“ in Japan, naemlich die DPJ und die LDP unterscheiden sich denn auch programmatisch nur in Details und wollen „fuer alle“ sein. SPD und CDU wollen das auch, haben aber ein mehr oder weniger klares Profil.

Das ganze System ist extrem instabil (nicht nur) aufgrund dieses Mangels an Ideologie. Fuer Politiker ist es einfach das Lager zu wechseln. Dies ist auch einer der Gruende fuer den staendigen Premierministerwechsel in Japan und die daraus folgende aussenpolitische Schwaeche.

 

Das Schlimme an Herrn Ozawas Verhalten sind nicht seine Positionen sondern wie er sie vertritt. Ich stimme ihm in der Ablehnung der Atomkraft sogar zu.  Dennoch, in seiner Opposition zur Mehrwersteuererhoehung und zur erneuten Inbetriebnahme der Atomkraftwerke in Japan reiht er sich ein in die Riege unsaeglicher Populisten wie Hashimoto und Ishihara und fuegt der Demokratie in Japan grossen Schaden zu.

 

Wort des Tages: 離党 – ritou – Parteiaustritt

Written by hanayagi

Juli 3, 2012 at 2:58 am